Wolle Kriwanek – unsterblicher Schwobarocker

Porträt des Musikers Wolle Kriwanek
© Hans Kumpf

Seine Lieder waren nicht nur im Schwabenländle bekannt.Der 2003 verstorbene schwäbische Sänger und Komponist Wolle (Wolfgang) Kriwanek hat Schwabenrock-Geschichte geschrieben. Seine Lieder waren nicht nur im Schwabenländle bekannt.

In seinem Geburtsort Stuttgart-Stammheim, wo sein Vater Walter ein Fotogeschäft besaß, wuchs Wolfgang, genannt Wolle, auf. Er besuchte die Stammheimer Grundschule und ging später – mit der Straßenbahnlinie 5 – auf das Gymnasium nach Feuerbach.

Schon früh entdeckte er seine Liebe zu Jazz, Rock und Blues, brachte sich bei den evangelischen Pfadfindern selbst das Gitarrespielen bei und wurde dann voll von der Beat(les)-Welle erfasst, die in jenen Jahren über die deutsche Musikszene hereinbrach. Bereits als 15-Jähriger schloss er sich der Stuttgarter Beat-Gruppe „Muli and his Misfits“ an und fungierte dort bis zu deren Auflösung im Jahr 1968 als Gitarrist und Zweitstimme. Mit den Jungs von Muli kam er auch zu seiner ersten Auszeichnung – dem 2. Preis beim SDR Radio-Nachwuchswettbewerb „Beste Amateur-Nachwuchsband Baden-Württemberg 1967“.

Sehr früh befasste sich der überzeugte Schwabe Kriwanek mit der Idee, Rocksongs in Mundart zu präsentieren und wurde dafür selbst von seinen Musikerkollegen belächelt. Rock, Beat und Blues auf Schwäbisch, das war völlig neu in den goldenen Jahren der Lennons, McCartneys oder Jaggers, denen so „englisch wie möglich“ nachgeeifert wurde.

So war es auch nicht verwunderlich, dass der junge Kriwanek 1970 mit seinem ersten eigenen Song, dem „Badwanna-Blues“, beim landesweiten SDR-Liedermacher-Wettbewerb nicht einmal in die engere Wahl kam – die Zeit war noch nicht reif für seine schwäbische Interpretation von Rock-, Beat- oder Bluesmusik, sagte sich Wolle, ließ nicht locker und holte bereits ein Jahr später den Titel beim Schlager-Wettbewerb auf dem Backnanger Straßenfest. Und weitere vier Jahre später machte er mit dem „Badwanna-Blues“ im zweiten Versuch das Rennen beim SDR-Contest um den besten „Liedermacher von Baden-Württemberg”, bei dem er einst durchgefallen war.

Ähnlich zielsicher verlief auch Kriwaneks beruflicher Werdegang, der ihn nach dem Abitur vom Pädagogik-Studenden an der Uni Ludwigsburg über verschiedene Stationen und nach Ablegung des 2. Staaatsexamens als Sonderschullehrer an die Paulinenpflege Winnenden führte.

Kriwaneks Musiker-Karriere wurde Mitte der 1970er Jahre entscheidend beeinflusst von Paul Vincent Gunia, einem begnadeten Musiker, der mit ihm, obwohl selbst Nichtschwabe, ein perfektes Team bildete und Kriwaneks Idee einer ureigenen mundartlichen Interpretation zeitgenössischer Schlagermusik unterstützte.

Dem „Badwanna-Blues“ folgten „Lila Tilla“, ‚“I muss die Stroßaboh‘ no kriaga…“, „Guck, guck, i han a Ufo g’seha…”, „Reggae Di uff?“, „I fahr Daimler“ und noch etliche unverwechselbare Kriwanek-Hits. Der „Stroßaboh-Song“ wurde sogar ins Englische übersetzt und landete im Land der Beatles auf einem sensationellen 10. Platz in den Charts! Ebenfalls erfolgreich Kriwaneks Version der drei schwäbischen Kinderlieder „Draußa em Wald“, „Es schneielet, es beielet“ und „En meiner Stuba“.

Bis 1988 ging der Schwabenrocker mit seiner Wolle-Kriwanek-Band auf Tour und begeisterte die Fans im „Ländle“ und darüber hinaus. Er kreierte unter anderem noch die VfB-Hymne („Stuttgart kommt“) und mit „Ready Steady Go!“ das Erkennungslied für die Leichtathletik-Europameisterschaft 1986 in Stuttgart. Im gleichen Jahr kehrte Wolle Kriwanek zurück in seinen Beruf als Sonderschullehrer.

Der Musikszene aber blieb er treu: Bis zu seinem überraschenden Tod am Ostersonntag 2003 förderte er als Vorsitzender der Rockstiftung Baden-Württemberg und als Kolumnist in der „Sonntag Aktuell“ junge Musiker und Rockbands im Land. Seinen letzten großen Auftritt als Musiker hatte Wolle Kriwanek beim Landespresseball 2002 anlässlich des 50. Geburtstags von Baden-Württemberg.

Die angemessene Würdigung für Wolle Kriwanek wurde vollzogen, als in Stuttgart-Stammheim unter großer Beteiligung der Bevölkerung am 18. Mai 2009 eine Straße nach im benannt wurde. So hat der Wolle zwar damals in seinem größten Hit die „Stroßaboh“ verpasst, dafür aber jetzt für immer eine ganze „Stroß“ bekommen. (hpm)