Stammheim – nördlichster Stadtbezirk Stuttgarts

Blick auf die Dächer und Kirchtürme Stammheims
Dachlandschaft Türme © Martin Hechinger

In Stuttgart ganz oben

Eine fruchtbare Lößschicht, die fast die gesamte Fläche Ortes bedeckt, deutet darauf hin, dass Stammheim, der nördlichste Stadtbezirk der Landeshauptstadt, schon in frühester Zeit besiedelt war. Die ältesten Funde menschlichen Lebens zeugen von Siedlungen aus der Jungsteinzeit. Später folgten die Römer, denen zwei Gutshöfen in den Gewannen „Emerholz“ und „Bildäcker“ nachzuweisen sind. Um 260 n. Chr. machten sich die Alamannen im heutigen Stammheim sesshaft und blieben dort einige Jahrhunderte.

Obwohl der Ort bereits etliche Jahre Bestand hatte, folgte seine erste urkundliche Erwähnung erst im Jahr 1182, als die Herren des Klosters Lorch die Verleihung einer Mühle an einen gewissen „Dietrich von Stammheim bei Stuttgart“ bestätigten. Den ersten Teil seines Namens verdankt der Ort wohl nach Rodungen übrig gebliebenen Baumstämmen. Die Endung –heim wiederum, weist auf eine Frankensiedlung hin.

Die Herren von Stammheim

Die weitere Entwicklung des Fleckens ist eng mit den Herren von Stammheim verbunden, welche lange Zeit die Geschicke des Ortes bestimmen sollten. Viele Familienmitglieder derer von Stammheim erlangten in Positionen wie Hofmeister (Wolf von Stammheim), als Stiftchorherr (Berthold von Stammheim) oder als Abt des Augsburger Klosters St. Ulrich (Melchior von Stammheim) hohes Ansehen. Auch einen Minnesänger brachte der Stamm hervor. Ein Lied von ihm ist in der Manessischen Liederhandschrift (Universitätsbibliothek Heidelberg) verewigt.

Minnesänger mit Laute und Frau die dem Gesang lauscht

Ende des 16. Jahrhunderts starb das Geschlecht aus. Hans Wolf von Stammheim hatte dank seiner Ehe mir der reichen Ursula Schertlin von Burtenbach aber noch genügend Mittel, um als letzter Nachkomme im Jahr 1581 anstelle der 500 Jahre alten Wasserburg ein Schloss errichten zu lassen. Der Auftrag erging an den kaum 30 Jahre alten Architekten und Baumeister Heinrich Schickhardt. Es sollte das Erstlingswerk des später so berühmten Baumeisters werden und ist als einziges seiner vielen Bauwerke bis heute noch fast vollständig erhalten.

Das Stammheimer Schloss

Nach dem 30-jährigen Krieg, der vielen Einwohnern Stammheims das Leben kosten sollte, ging das Stammheimer Schloss in den Besitz des Herzogtums Württemberg über. Zu dieser Zeit wurde das Anwesen längst nicht mehr als Herrschaftssitz verwendet, sondern diente als Wohngebäude, Vorratskammer und Viehstall.

Das Schloss Stammheim, heute Altenheimat.
Das Schloss Stammheim, heute Altenheimat. Foto: .wtv

Die Soltudeallee

Die von Herzog Karl Eugen erbaute Soltudeallee, die auf ihrem geraden Weg von Schloss Solitude nach Ludwigsburg ein gutes Stück durch Stammheim führt, kommt den Stammheimern heute noch zu Gute. Und zwar direkt in ihrer Eigenschaft als begehrter Rad- und Wanderweg und indirekt als Basis der Landesvermessung von Württemberg.

Im 18. Jahrhundert hatte das Dorf Stammheim im Oberamt Ludwigsburg unter den durchziehenden Kriegstruppen zu leiden, die dem Ort schwer zusetzten und ihn vom Wohlstand in die Verarmung führten. Allein 30 der damals 800 Einwohner sind schließlich mit Sack und Pack nach Amerika ausgewandert. Erst ein Jahrhundert später, als die Industrialisierung in vollem Gange war, profitierte auch Stammheim. Es ergaben sich Arbeitsplätze in den neuen Fabriken der Nachbarorte Kornwestheim und Zuffenhausen. Somit hat sich die Einwohnerzahl auf 2826 bis ins Jahr 1919  mehr als verdreifacht. Im Zuge des Wandels von der Bauerngemeinde zum Arbeiter- und Industrieort herrschte eine rege Bautätigkeit. So entstanden nicht nur ein neues modernes Rathaus und ein großes Schulgebäude, sondern auch neue Häuser an den Hauptstraßen nach Zuffenhausen und Kornwestheim.

Rathausuhr
Rathausuhr Stammheim, Foto: Martin Hechinger

In der Folgezeit mit dem Ersten Weltkrieg, der Weltwirtschaftskrise und dem Dritten Reich erging es Stammheim nicht viel anders als seinem Nachbarn Zuffenhausen und man wurde 1942 als einer der letzten Randgemeinden Stuttgarts nach Stuttgart zwangseingemeindet. Die derzeitigen Machthaber versprachen den Stammheimern eine Schulhauserweiterung, ein Jugendhaus, eine Sporthalle und vor allem die Schienenverbindung nach Stuttgart. Diese wichtige „Lebensader“ konnte bereits 1950 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung mit der ersten Linie 5 eröffnet werden. Der „5er“ sollte sogar noch in die Musikgeschichte eingehen. Besungen von Stammheims Schwabenrocker Wolle Kriwanek erlangte der Song von der „Stroßaboh“ große Beachtung.

Nach Überwindung der Kriegsfolgen entwickelte sich Stammheim schnell zu einem Mustervorort von Stuttgart. Im Laufe der Jahre wurden nicht nur die erwähnten Bauvorhaben verwirklicht, sondern ganze Wohngebiete wie Stammheim-Süd und Sieben Morgen. Daneben konnte nach Fertigstellung der Ortsumfahrung der deutlich entlastete Ortskern saniert werden. Hier entstand eine neue Stadtteilbücherei, das liebevoll gepflegte Heimatmuseum und die ausgebaute historische Schloßscheuer als beliebter gesellschaftlicher und kultureller Treffpunkt.

Heimatmuseum Stammheim, Foto: .wtv

Mit dem 1963 erfolgten Bau der damals sichersten Haftanstalt im Land wurde Stammheim weltbekannt. Es zeichnet die Stammheimer aus, dass sie längst gelernt haben mit ihrem „Knast“ zu leben. Eine große Zahl stellte sich als ehrenamtliche Helfer in der Gefangenenbetreuung zur Verfügung. Somit haben sie sogar eine besondere Beziehung zu dieser Einrichtung aufgebaut. Von einem intakten Gemeinschaftsleben zeugen auch die zahlreichen Feste – allen voran der Stammheimer Weihnachtsmarkt auf dem inzwischen verkehrsfreien Kirchplatz. (hpm)